Iryna Frys. Der Liebesdiskurs und das Problem der Entfremdung im Roman von Christa Wolf “Medea”

Es gibt zwei zentrale Themen, die in der Literatur aller Epochen vorkommen: das Thema der Liebe und das Thema des Todes. Die Liebe ist ein intimes und tiefes Gefühl, das auf eine andere Persönlichkeit, eine menschliche Gemeinschaft  oder auf eine Idee gerichtet ist. Im Kontext dieser Untersuchung ist für das Verstehen des Hauptgedankens des Romans “Medea” folgende Idee sehr wichtig: Mangel an Liebe erweckt Angst, Einsamkeit und Entfremdung. “Alles, was ich begangen habe bis jetzt, nenne ich Liebeswerk…” [1; 11], sagt Medea, die Hauptfigur des Romans von Christa Wolf, die im griechischen literarischen Schaffen, Mythe, als Hexe, Brudermörderin und  Kindermörderin genannt wurde.

Die Schriftstellerin hat präzise die Geschichte einer entehrten und verfluchten Frau untersucht und somit bewiesen, dass Medea weder nach Ruhm noch nach Macht oder nach Rache strebte, sie wünschte sich nur Liebe und Möglichkeit, diese Liebe  zu äußern. Der Wunsch von Medea war zu zeigen, dass die Liebe stärker ist als Tod.

Durch Bestimmen des Sinnes der Liebe und Verstehen dieses Gefühls der antiken Griechen kann man sich die Vorstellung über die Hautfiguren ihres Schaffens, der Mythen, bilden. In der Kultur des Antiken Griechenland blieb zwischen dem körperlichen Eros und dem abstrakt-geistlichen Eros wenig Platz für Seele sowie für die Liebe zu einem konkreten Menschen, der leidet und Hilfe, Mitleid, Zärtlichkeit und Fürsorge benötigt. In der hellenischen Liebeslyrik, die in den Aspekten plastischer Schilderung der Verliebtheitsaffekte und der exaltierten Äußerung des Egoismus der Verliebten eine große Zärtlichkeit erreichte, wurde zugleich das Liebesgefühl zwischen Mann und Frau als Zeugnis der Harmonie von zwei Persönlichkeiten völlig ignoriert; sie war auch nicht imstande, den Inhalt der Liebe als Opposition zwischen männlichem und weiblichem Agens wie auch deren Verschmelzung in eine vollkommene Einheit mit Hilfe dieses “Wettkampfs” zu begreifen.

Man kann bei den Griechen von einer unverborgenen Missachtung der Innenwelt der Frau und einer Ablehnung ihrer eigenen Persönlichkeit mit innerer Kraft und Weisheit, - die der männlichen Kraft gleichwertig ist, sprechen. Das antike Griechenland zeigte einen prinzipiellen Vorrang der homosexuellen Liebe oder ein Fehlen der Liebe als solcher, weil die Liebe ohne Entwicklung und Akzeptierung der Innenwelt des geliebten Menschen als Egoismus oder eigennütziger Pragmatismus galt. Aus diesem Grund konnte die Frau, die sich weigerte, ein primitives Instrument des Mannes in der Familie oder sein Spielzeug außerhalb der Familie zu sein, für die Griechen nur Gestalt der Tragödie werden, die über Charakterzüge einer bösen Zauberin (Klitemnästra), einer bösen Hexe (Kirke) oder einer Hexe aus dem fremden Land, Medea, verfügt.

Im Roman “Medea” schildert Christa Wolf mit hoher Präzision des Denkens die antiken Griechen und ihre besondere. Umweltwahrnehmung Die Autorin legt dem Roman eine kanonische mythische Fabel zugrunde, verleiht ihm aber eine spezifische neue Erläuterung, indem sie Schritt für Schritt das Benehmen von Medea und ihrer Umgebung analysiert. Die Autorin hat sich vorgenommen, den Archetyp von Medea, der bösen Hexe und Kindesmörderin, aufs Neue zu gestalten. Die Geschichte ihres Lebens ist aus dem Mythos über Argonauten bekannt, Christa Wolf erzählt aber nicht den Mythos nach, sondern sie beschreibt die Erinnerungen verschiedener Menschen an Medea, derjenigen, die sie liebten, ganz offen hassten oder die sich an ihr rächen wollten. Somit erscheint vor dem Leser ein vollständiges Bild dieser Frau, jede der handelnden Personen beschreibt Medea auf ihre Weise, aber die Meinungen dieser Menschen sind ehrlich, weil sie das Gespräch mit sich selbst führen, ohne die Wahrheit zu verdecken und zu verkehren. Ihren Worten zu Folge ist Medea mildherzig, klug, und sinnlich: Akamas spricht von ihrer kindertümlichen Neugierigkeit und dem Streben nach Erkennen; Glauke sagt über ihre positive Ausstrahlung und ihr Selbstvertrauen, ihre Empfindlichkeit und den seelischen Tiefsinn. Agameda hebt ihr Charisma hervor, Jason spricht von einer unübertrefflichen Weiblichkeit und Attraktivität. Im Nachdenken über Medea prävaliert die Schilderung ihres stolzen Charakters, der trotzt allen Umständen unbesiegt bleibt; sie unterschied sich von derzeitigen fügsamen und eingeschüchterten Frauen. Medea war mutig  und verbarg ihre Gefühle nicht, ihre Kraft war die Liebe, und diese Liebe war stärker als Angst und Tod.

Christa Wolf schafft das Bild einer wunderschönen Frau, die im Leben Harmonie erreicht hat und im Frieden mit sich selbst lebt. Sie geht keine Kompromisse mit ihrem Gewissen ein, deshalb ist sie die einzige, der keine Leiden der inneren Disharmonie bekannt sind, und eben das ist der Grund des großen Neides der Korinther. In den schwersten Minuten ihres Lebens beschwert sich Medea weder über die Schläge des Schicksals noch über ihren so schwächlichen und untreuen Mann, der ihr eine ewige Liebe versprach, und ihm geglaubt, tauschte Medea die Zarenhallen gegen eine bescheidene Hütte. Trotz aller Proben bleibt sich Medea immer treu und führt ihren Kampf zu Ende.

Die Medea der Christa Wolf flieht aus ihrer Heimat Kolchis und versucht somit auf den ersten Blick, sich aus der Gefangenschaft eines grausamen ideologischen Systems, welches politische Interessen der dem menschlichen Leben vorzieht, durchzufechten. In diesem  verwandeln sich blutige heidnische Opferbringungen von Ochsen, an denen die Hauptperson des Romans unmittelbar beteiligt war, in Opferbringungen von Menschen: der Herrscher Aiete, Medeas Vater, versucht, die Macht in seinen Händen zu halten, er verwendet alte Legenden und Bräuche und spricht dem einzigen möglichen politischen Gegner, seinem Sohn Absyrtos, das Leben ab. Das Paradox des Romans besteht darin, dass im zivilisierten Korinth die anderen Politiker, für die Medea gefährlich ist, diesen Tod im Kampf gegen sie verwenden und einen Mythos schaffen, als ob die kolchische Königstochter  ihren eigenen Bruder getötet hätte.

Der brutale Mord von Absyrtos bewog Medea dazu, aus ihrer Heimat zu fliehen. Der richtige Grund war aber ein anderer: die junge Frau wollte sich in der Gegenliebe realisieren und glaubte, in diesem Gefühl eine verwandte Seele zu finden. Medea wusste, dass die Liebe stärker als der Tod ist und hatte keine Angst, die Hallen des Königszu verlassen. Die Hauptperson bezweifelte nie die außerordentliche Kraft der Liebe, so, zum Beispiel, als die Mutter von Agameda im Sterben lag, war Medea sehr wütend, weil sie ihre Freundin nicht retten konnte: “Nie vorher habe ich Medea so zornig gesehen, wenn jemand starb, den sie behandelt hatte. Dieser Zorn hatte etwas Ungehöriges, den jeder Kolcher weiß, es gibt eine Grenze für die menschliche Fähigkeit zu heilen, hinter der die Götter selbst die Dinge in die Hand nehmen”
[1; 81]. Medea fühlte nie Angst für ihr Leben, selbst bei der größten Gefahr, wie ihre Landsmännin Agamede behauptete, “ich konnte mich auf Medeas Einbildung verlassen, das sie unantastbar sei” [1; 81].

Nachdem sie die Liebe in sich entdeckt hat, und dieses Gefühl zum unveränderlichen Ziel des Lebens gemacht hat, versucht Medea, dem Egoismus der Umgebung und den schlimmen Folgen zu trotzen. Gerade egoistische Anregungen bewogen den kolchischen König, den eigenen Sohn zu töten, den Zaren von Korinth – zur Opferbringung der Tochter, den Jason – zum Verrat seiner Familie, die Agamede- zum Hass, den Akam – zur Verleumdung und Lüge. Medea hat diese Wahrheit allmählich begriffen, weil sie zuerst glaubte, dass die Flucht aus der durch den Mord befleckten Welt ihr die Möglichkeit gibt, ein neues Leben zu beginnen und dass eine Welt ohne Hass und Übel existiert. “Ich bin mit Jason gegangen, weil ich in diesem verlorenen, verdorbenen Kolchis nicht bleiben konnte. Es war eine Flucht” [1; 95].

Medea, die oberste Priesterin der Göttin Gekata, verlor den Glauben an die Götter, sie akzeptiert keine Religion, welche menschliche Opfer verlangt und von der Angst heraufbeschworen ist. Beim Sammeln der Reste des Leibes ihres Bruders begreift Medea die Brutalität der Religion “warum sollten die Götter, die andauernd Beweise von Dankbarkeit und Unterwerfung von uns verlangen, uns sterben lassen, um uns dann wieder auf die Erde zurückzuschicken” [1; 95]. Deshalb lehnte sie das nicht aus Liebe, sondern aus Angst geborene Glauben ab: “da konnte ich diese aus Angst geborenen Glauben loslassen; richtiger, er stieß mich ab” [1; 95].

Im Korinth lernt Medea eine andere Seite des Egoismus kennen, der im Ehrgeiz und in der Geldgier hervortritt. Nachdem die Hauptperson gemerkt hat, wie man die Toten in der unterirdischen Welt ausrüstet und entsendet, damit sie sich den Zutritt zur Ewigkeit kaufen können, versteht Medea, dass die Kraft des Todes die Kraft der Liebe prävaliert. Medea kommt zur Schlussfolgerung, dass Korinth die Stadt der Toten ist und auch von den Toten verwaltet wird. Ihre Flucht vor dem ersten Todeskreis bringt sie zu einem noch tieferen unterirdischen Kreis, dann begreift Medea, dass der einzige Ausweg in der Kraft der Liebe und Geduld  besteht.

Der Beweis für Medeas Liebe zu den Menschen ist vor allem ihre Beschäftigung als Heilkundige für Körper und Seele. Sie strebt nicht, durch diese Gabe berühmt zu werden, wie Akamas und seine Gefährten. Sie wünschte sich nicht, in die Gesellschaft der berühmten Korinther einzutreten, wie Agameda, sie schenkt den Kranken Heilung und Hoffnung auf die Gesundheit. Als Korinth von der Pest befallen wurde, kam Medea zu Hilfe jedem, der nach ihr rief: “Medea hat in diesen Wochen mehr als jeder andere getan, die Kranken verlangen nach ihr, sie geht zu ihnen” [1; 165].

Medea versucht, die Tochter des korinthischen Königs von der Epilepsie zu heilen und half ihr das psychische Gleichgewicht zu finden, indem sie sie lehrt, wie man die Angst bekämpft. Nach Überzeugung von Medea muss der Mensch der Angst entgegengehen und vor sich die Hoffnung sehen können, sich helle und fröhliche Bilder zu malen: “Ich roch die Ausdünstung der Angst…ich gehe dagegen an, wie ich es von Kindheit an geübt habe, ich schließe die Augen und sehe mich immer den gleichen Fluβ entlang gehen, der unserem Fluβ Phasis gleicht, mit seinen sanften Uferhängen, mit üppigen Pflanzen, mit Gesichtern von Menschen, die mir zugewandt sind [1; 180]. Wichtig ist in dieser Beschreibung das Schildern von Gesichtern der Menschen, die zu der Hauptperson gerichtet sind. Medea hört also nie auf, an die Güte und Menschlichkeit zu glauben, was für sie völlig eigen ist.

 


                                       

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